Im Herbst der Gezeiten

Die Menschheit, ein fraktales Muster, ein buntes Gemälde. Doch deuten die Zeichen auf Herbst.
Die Blätter fallen und enthüllen das Gerüst der Gesellschaft. Entblößtes Braun, Auswüchse unseres Selbst. Wir sind das Geäst und Gezweig ein und desselben Baumes.
Zersplitterte Gruppen in einer Gesellschaft, als Teil des Ganzen. Ergänzen uns im Gefüge durch Unterschiedlichkeit. Wiederholen uns in unserer Struktur und sind selbstähnlich.
Doch das Braun schreit durch alles hindurch. Hinterlässt Spuren, erinnert an Vergangenes. In unterschiedlichsten Tönen flackert es. Durchmischt sich mit Rot, Grün, Gelb und Schwarz. Wird alltagstauglich. Es wird kälter im Blau des Sternenkreises. Wir verlieren die Regelmäßigkeit im Chaos und lassen Chaos herrschen. Das Gefüge scheint zu zerbrechen, zu zerrinnen. Teile des Gefüges gewähren Einlass und lassen das Fraktat Menschheit unterwandern. Doch wir sind eins und wir sind mehr! Nur in gesamter Farbenpracht ein Gemälde. Die Zeichen stehen auf Herbst. Doch im Laufe der Zeiten folgt auf Winter der Frühling. Lässt Braun und Kälte hinter sich und entfaltet sich zu neuem Muster. Wir sind die Teilchen des Fraktats Menschheit. Jeder eine Kopie des anderen, übereinstimmend in vielen Aspekten, und doch einzigartig. Seien wir gemeinsam mehr als brauner Einheitsbrei.

Der Wunschbaum

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Es war einmal ein Wunschbaum. Tief im Wald versteckt, hatte er seine Wurzeln geschlagen. Golden blühten seine Blätter tagein, tagaus. Nie verlor er auch nur ein Blatt.

Diamanten, Rubine und Smaragde wuchsen in seinem Geäst. Die Steine bargen Wünsche und zerbarsten bei Erfüllung. Doch diese wurde nur zuteil, wenn es ein wahrer Wunsch war. Ebensolche, die tief verborgen in Mensch, Tier und Wesen lagen.

Zu jeder Stund´ fanden Wünschende den langen Weg zum Baum. Sehnsüchte wurden gesprochen, doch die wenigsten fanden Erfüllung.

Mit hängenden Köpfen verließen die Suchenden die Lichtung wieder. Verwundert, dass nicht ihr Herz, sondern eine niedere Neigung gesprochen hatte. Aus manch einem sprach die Gier, die Lust oder gar die Eifersucht. Die Davonschleichenden stellten überrascht fest, dass sie sich selbst nicht so recht kannten. Einige ergriff die kalte Wut und hätten sie die Axt zur Hand gehabt, der Wunschbaum stünde nicht länger auf seiner schattigen Lichtung.

Doch auch die Nachdenklichkeit fand den Weg zu so manchem Wünschenden, und der Wiederkehr stand nichts mehr im Weg.

Eines Tages traten ein Wolf und ein Schaf auf die Lichtung. Rundherum wurde getuschelt und geschwätzt. Der Drache beugte sich zum Fuchs und flüsterte: „Was will der Reisser, was will das Schaf?“

„Führt er gar das Wollige zur Schlachtbank?“, krächzte die Krähe. „Das ist unatürlich“, befand der Wurm. Nur das Mädchen hockte still und dachte nach. Unmut erwuchs in ihrem Herzen. Was gäbe sie dafür, wenn all das bösartige Geplapper und die Hähme verschwände?!

Von einem auf den anderen Augenblick wurde es ruhig und ein Diamant fiel vom Baum. Niemand hatte einen Wunsch gesprochen, doch es schien als vernähme der Baum auch die Stimme des Herzens. Erstaunen huschte über die Mienen der Umstehenden. Da setzte sich der Edelstein in Bewegung und rollte durch die Wiese in die Hände des Mädchens. Das Kind begann zu weinen: „Ich habe meinen Wunsch doch noch gar nicht gesprochen!“ Das Schaf beugte sich zum dem Mädchen hinab. „Was wäre denn dein Herzenswunsch gewesen?“

„Nicht mehr hungern zu müssen und es soll der Acker Früchte tragen!“ Sie schluchzte bitterlich. „Aber schau doch!“, meinte das Schaf und deutete auf den Stein. „Der Diamant zerfällt nicht zu Staub!“ Ein Raunen ging über die Wiese. Nein, der Stein verblieb in der Hand des Mädchens. Hart, wie eh und je. Ein Strahlen trat in ihre Augen und sie rannte zum Baum und legte ihre schmalen Ärmchen um den Stamm. Kurz darauf verschwand sie im Wald und ihr Singen hallte noch lange in den Ohren der Umstehenden.

Der Wolf schenkte dem Schaf ein Lächeln. „Ich glaube, wir brauchen den Wunschbaum nicht. Wir haben unsere Liebe!“ Hand in Hand drehten sie sich zum Wald. Da fiel ein Smaragd vom Baum und zerfiel zu Staub. „Was war der Wunsch?“, flüsterte der Drache, doch der Fuchs zuckte nur mit dem Schwanz. Eine Veränderung ging über die Lichtung. Wärme kroch tief in die Herzen und erfüllte ein jedes. Wo zuvor Unzufriedenheit und Mißgunst herrschte, breitete sich Zufriedenheit und Glück aus. „Nun kenne ich den Wunsch!“, krächzte die Krähe.

Es rauschte der Baum und das Geäst wisperte: „Das Herz des Schafes wählte klug. Nun geht fort!“ Die bunten Steine fielen aus den goldenen Blättern und die Wunschlosen verließen den Wald.